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Zehnkämpfer des Designs

Der Schweizer Alfredo Häberli ist international bekannt. Kürzlich sorgte er mit dem visionären Entwurf eines Öko-Hauses für Schlagzeilen. Der Abstecher in die Architektur ist charakteristisch für den vielseitigen Designer, der stets nach Neuem strebt.

 
 
Alfredo Häberli in seinem Studio in Zürich, in dem seine Entwürfe entstehen.zoom
Alfredo Häberli in seinem Studio in Zürich, in dem seine Entwürfe entstehen.
 
 

«Schweizerischer Elektrotechnischer Verein» steht in grossen schwarzen Lettern an einem gelben Haus im Zürcher Tiefenbrunnen. In einem kleineren Anbau befindet sich Alfredo Häberlis Studio. In dem einsti­gen Labor wurden früher allerlei elektrotechnische Experimente durchgeführt. Die Räume sind hoch, die Wände weiss gestrichen, und dank der vielen Fenster ist es sehr hell. An langen Tischen sitzen drei Mitarbeiter konzentriert vor ihren Computerbildschirmen. Sie sind in ihre Projekte vertieft. Auf den Tischen liegen Prototypen für eine neue Geschirrserie aus Porzellan, die das Team gerade entwickelt.

Designer Thomas Häberli: «Es ist ein Glück, so arbeiten zu können.»zoom
Designer Thomas Häberli: «Es ist ein Glück, so arbeiten zu können.»

Unkonventionelles Denken
Die Arbeitsplätze sind um­geben von hohen, metallenen Industrieregalen, die von vielen Büchern, Papieren und Skizzenheften beschwert werden. Auf den Gestellen liegen zudem unzählige Utensilien aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen. «Ich lasse mich von Alltagsgegenständen inspirieren», sagt der Gestalter, der offensichtlich eine grosse Sammlernatur ist. Unter scheinbar unnützen Sachen wie Plastikrührstäbchen für Automatenkaffee findet sich beispielsweise ein Trichter aus weissem Porzellan, der ursprünglich aus der Chemieindustrie stammt. Die Form des Trichters übertrug der Designer auf den Entwurf einer Teekanne und einer Karaffe. Aus etwas Bestehendem entstand so etwas Neues, das nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch seinen Zweck erfüllt.

In einer Ecke des Studios steht eines der neusten Exemplare aus Häberlis Ideenküche: ein Stuhl aus einem Metalldraht mit abnehmbarem Polster. Den Stuhl hat Häberli fürs Zürcher Museum Haus Konstruktiv entwickelt. Er wird künftig im «Dining Room» stehen, einem raumgrossen, begehbaren Bild, das der Künstler Fritz Glarner in den sechziger Jahren für den US-Politiker Nelson A. Rockefeller gestaltet hatte. Für die Konstruktionsweise des Stuhles liess sich Häberli vom Schutzgitter eines Football-Helms inspirieren, das an einer Pinwand hängt.

An derselben Pinwand befinden sich neben vielem anderen zwei unspektakulär aussehende Gartenhandschuhe, die der Designer in Spanien entdeckt hat. Sie sind ihm ins Auge gestochen, weil sie an mehreren Stellen mit unterschiedlich farbigen Lederresten in Braun- und Grüntönen verstärkt sind. Gut möglich, dass Häberli die zufällig entstandene Farbkomposition irgendwann einmal in einer seiner Kollektionen verwendet. Er mag das unkonventionelle Denken. «Mich fasziniert es, Dinge zu hinterfragen und neue Gedankengänge zu spinnen.»

Ein Traumhaus aus Holz
Im ehemaligen Labor des Schweizerischen Elektrotechnischen Vereins laboriert nun also der bekannte Designer mit seinem Team – und zwar immer gleichzeitig an den verschiedensten Entwürfen. Einer von Häberlis bisherigen Bestsellern ist die Geschirrserie Origo mit den feinen farbigen Querstreifen, die er 1999 für die finnische Design­marke Iittala kreiert hatte. Doch Alfredo Häberlis Palette an Erfindungen und Designobjekten ist breit: Sie umfasst Möbelstücke ebenso wie Tische, Stühle, Sessel und Sofas. Er hat aber auch Gläser, Kindergeschirr und ein Set mit Kinderbesteck entworfen. Weniger bekannt ist, dass auch der Küchenblitz von Betty Bossi, der in zahllosen Schweizer Haushalten gute Dienste leistet, von ihm neu gestaltet wurde. Häberli designt mit seinem Team schon seit vielen Jahren die Inneneinrichtung von Geschäften oder Restaurants, und nun wagte er sich erstmals an die Architektur.

Zusammen mit dem deutschen Holzbau-Pionier Bau­fritz realisierte er das Systembau-Haus «Haussicht», das 100 Prozent ökologisch und biologisch ist. Das Fa­mi­lienunternehmen mit Geschäftsführerin Dagmar Fritz-Kramer habe ihm das vollste Vertrauen geschenkt, erzählt er. Entstanden ist ein absolutes Traumhaus aus Holz mit einem Stöckli, harmonisch und durchdacht bis ins letzte Detail. «Wir arbeiten an jedem unserer Produkte so lange, bis wir ganz zufrieden sind», erklärt Häberli seine Philosophie. «Die Seele muss spürbar sein; das Bauchgefühl, die Intuition muss stimmen.» Ein Produkt sei dann richtig gut, wenn man nichts erklären müsse. «Ein perfektes Produkt spricht für sich selbst.»

Das Öko-Haus war für Häberli ein Traum-Auftrag, mit dem er schon länger geliebäugelt hatte. Ein Brief von ihm an Dagmar Fritz-Kramer blieb allerdings drei Jahre lang unbeantwortet, bis sie eines Tages doch noch bei ihm anrief. Das Warten hat sich für ihn also gelohnt. Sowieso ist er schon lange der Überzeugung, dass man träumen und auch bereit sein muss, hin und wieder Wagnisse einzugehen. Schon als Jugendlicher habe ihn ein Satz des US-Künstlers Roy Lichtenstein beeindruckt, der einmal sinngemäss gesagt habe: «Man muss den Mut haben, auf das Glück zuzugehen.»

«Ich möchte mich mit kleinen Erfindungen immer wieder selbst überraschen», sagt Thomas Häberli.zoom
«Ich möchte mich mit kleinen Erfindungen immer wieder selbst überraschen», sagt Thomas Häberli.

Im Einfamilienhaus zuhause
Alfredo Häberli wurde 1964 in Buenos Aires geboren und zog als Teenager mit seinen Eltern in die Schweiz. Er studierte Industriedesign an der Zürcher Schule für Gestaltung. Seit 25 Jahren arbeitet er im eigenen Studio. Der Erfolg ist ihm nicht in den Schoss gefallen; er ist das Ergeb­nis harter Arbeit. «Wir sind Marathonläufer und Zehn­­kämpfer, keine 100-Meter-Läufer», sagt er. «In unse­rem Job braucht es viel Durchhaltevermögen.» Das versuche er auch seinen jüngeren Mitarbeitern mitzugeben. Aber freilich weiss er das Resultat dieser Anstrengung zu schätzen. «Es ist ein Glück, so arbeiten zu können.»

Das Emotionale, das Teil seiner Persönlichkeit ist, sei wohl während seiner Kindheit in Argentinien verstärkt worden, sagt er. Im Studium sei der Schwerpunkt dann eher auf Präzision gelegt worden, was ihn ebenfalls geprägt habe. Beides zu besitzen, empfindet er als Privileg. Alfredo Häberli ist trotz seiner internationalen Erfolge bodenständig geblieben. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Teenageralter lebt er in einem umgebauten Einfamilienhaus aus den fünfziger Jahren am Zürichsee. «Wir wohnen ziemlich normal», hält er fest, «aber das ist auch völlig in Ordnung. Für sich selbst nimmt man sich manchmal nicht so viel Zeit.» Die Arbeit am Öko-Systemhaus habe diesbezüglich zwar einiges ausgelöst. «Vielleicht bauen wir eines Tages für uns. Mal sehen.» Von der Arbeit abzuschalten, fällt ihm übrigens nicht schwer. Geholfen habe ihm dabei das Vatersein, sagt er. «Mein Beruf ist wichtig und schön. Aber da gibt es noch etwas Anderes, das wichtiger ist.»

Der Blick fürs Ganzheitliche
Inzwischen könnte der 52-Jährige, wenn es nur ums Finanzielle ginge, mit Arbeiten aufhören. Seine Produkte bringen ihm Tantiemen ein; viele sind so erfolgreich, dass er sich schon Jahre vor dem Pensionsalter zur Ruhe setzen könnte. Auf die Frage, warum er das nicht tut, schaut er mit grossen Augen und gibt zur Antwort: «Weil es zu schön ist. Und weil ich das Gefühl habe, dass ich erst jetzt reif bin für die schweren, richtig guten Sachen.» Er habe nun, nach so vielen Jahren im Geschäft, einen besseren Blick fürs Ganzheitliche, ein besseres Gespür auch für langfristige Projekte. «Ich will weiter forschen und weiter nachdenken. Ich möchte mich mit kleinen Erfindungen immer wieder selbst überraschen.»

Die Hausreportage über das Öko-Haus für Baufritz finden Sie im Magazin
Das Einfamilienhaus, Heft Nr. 01/2017.


Text: Rebekka Haefeli, Fotos: Gaëtan Bally
aus: Das Einfamilienhaus, Heft Nr. 1/2017

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