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Fenster: mehr von allem

Mehr Licht, mehr Wärmeschutz, mehr Schallschutz: Das Fenster sollte in vielen Disziplinen punkten. Weder die Anforderungen noch der Markt sind überschaubar. Das erschwert die Auswahl.

Moderne Verglasungen sind anspruchsvolle, komplexe Bauteile. Foto: Berger Metallbau AG
Moderne Verglasungen sind anspruchsvolle, komplexe Bauteile. Foto: Berger Metallbau AG

Das Fenster wird unterschätzt, hört man von den Entwicklungsleuten der Hersteller. Vielen Verkäufern ist die platte Sicht der Kunden mehr als recht – nur keine unnötigen Fragen. Doch so einfach, wie sich dieses wichtigste Bauteil eines Hauses präsentiert, ist dessen Konstruktion mittlerweile nicht mehr. Denn durch die Entwicklung der letzten zehn Jahre resultieren bauphysikalisch komplexe Produkte. Beispiel: Die Glaspakete werden aufgrund der Anforderungen dicker und vor allem schwerer. Umgekehrt verlangen Architektinnen und Hausbesitzer schlanke Rahmen, was zu statisch enorm belasteten Teilen innerhalb der Rahmenkonstruktion führt, beispielsweise im Umfeld von Scharnieren. Dass die Verglasungen heute überwiegend in die Rahmen geklebt werden, bringt zusätzliche Stabilität, weil das Glaspaket als «starrer Block» formstabil bleibt. Der Rahmen hängt also an der Verglasung, weniger die Gläser am Rahmen.  

Neue Sicht aufs Fenster
Der hohe Stellenwert des Fensters hat handfeste Gründe. Denn über Jahrzehnte wurde das Fenster ausschliesslich als verlustbehaftetes Bauteil behandelt. Erst mit der besseren Fensterqualität ist offensichtlich, dass der Solargewinn durchs Fenster grösser ist als der Wärmeverlust, vor allem beim Südfenster. Der Luzerner Bauphysiker Marco Ragonesi hat dies im Rahmen seiner Topfenster-Dokumentation nachgewiesen: Fenster sind in erster Linie Wärmelieferanten. Statt also nur den Verlust zu bewerten, sollte die Fensterbilanz Massstab für ein Gütesiegel sein. Noch vor den Schweizer Verbänden hat das international tätige Institut für Fenstertechnik in Rosenheim zu Händen der EU eine Energieetikette auf Basis einer Energiebilanz vorgeschlagen. Jetzt ist auch der Schweizer Fensterverband, sanft geschoben vom Bundesamt für Energie, daran, eine Energieetikette zu lancieren. Noch kleben die Etiketten nicht an den Fenstern. Bis Anfang 2014 soll es soweit sein. Dann verlangen Kunden hoffentlich A-Fenster.

Unberücksichtigt bleibt der Solargewinn durchs Fenster auch bei der Zertifizierung nach Minergie respektive Minergie-P. Davon abgesehen eignen sich diese Label als Auswahlkriterium, ganz im Gegensatz zum verbandseigenen «Gütesiegel», dessen large Anforderungen weitgehend den gesetzlichen Vorgaben entsprechen.

Zwölf Kriterien
Selbst wenn die Fensterdiskussion bei einer Bauherrschaft von allen Spezialfragen frei bleibt, ergeben sich noch fünf wichtige Entscheide und sechs ergänzende Detailfragen. Die Ästhetik und die Materialisierung, der Schall- und der Wärmeschutz sind ebenso Sache des Auftraggebers wie der Entscheid, ob die Fenster im Zuge einer Fassadensanierung oder solo ersetzt werden sollen. Die Detailfragen liefern Gesprächsstoff für die Bausitzung mit dem Architekten.

Holz-Metall oder Kunststoff?
Nach Erhebungen von Wüest + Partner wachsen die Marktanteile der Kunststoff- und Holz-Metall-Fenster seit Jahren und liegen heute (2012) bei je rund 40 Prozent. Reine Holzfenster verlieren am Markt (heute noch 16 Prozent). Auf Metallfenster entfallen nur einige Prozente. Andere Marktanteile ergeben sich, wenn nur der Umbau von Einfamilienhäusern betrachtet wird. 35 Prozent der eingebauten Fensterrahmen sind reine Holzprodukte, lediglich 22 Prozent sind aus Kunststoff. Erwartungsgemäss werden für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser überwiegend Holz-Metall-Fenster bestellt, nämlich 38 Prozent. Sie sind gemäss Statistik des Gebäudeprogramms etwa 20 Prozent teurer als Kunststoff-Produkte, die häufig in Mietwohnungen zum Einsatz kommen.

«Die Hersteller von Kunststoffrahmen haben ihre Hausaufgaben gemacht», meint Rudolf Locher, ehemaliger Direktor der Zentralstelle für Fenster- und Fassadenbau. Allerdings fehlen bis heute Langzeiterfahrungen zur neusten Generation von Kunststoff-Rahmen. In Anbetracht der enorm langen Nutzungsdauer von Fenstern bergen Billigprodukte auch ein Risiko. Auf 48 Jahre quantifiziert das deutsche Umweltbundesamt die Nutzungsdauer. In der Schweiz ist diese, auch wegen der höheren Qualität, vermutlich noch länger. Seit einigen Monaten sind seriell hergestellte Kunststoff-Metall-Rahmen erhältlich. Das äussere Alu-Blech schützt den Kunststoff-Rahmen vor Witterung, vor allem vor Solarstrahlung, die dem Rahmenmaterial arg zusetzen kann.

Schallschutz vielfach prioritär
Das Bauschalldämmmass eines Fensters wird je nach Interessenlage sehr unterschiedlich interpretiert. Das Empa-Zertifikat zeigt nur die Dämmwirkung des nackten Fensters ohne Rücksicht auf den Ort und die Qualität des Einbaus. Wer von den Werten in der Offerte 4dB oder 5dB abzieht, liegt der Wahrheit sehr viel näher. Um die Dämmwirkung zu erhöhen, bauen die Hersteller Verbundgläser ein – ein Glas-Sandwich mit einliegender Kunststoff-Folie – oder wählen Gläser unterschiedlicher Stärke, beispielweise Gläser mit 8 Milimeter, 4 Milimeter und 6 Militmeter Dicke.  

Vor allem: schön
Neben den Kosten ist die Gestaltung des Fensters das wichtigste Kriterium; es ist aber auch ein Thema mit viel Potenzial für Kontroversen. Der Entscheid sollte beim Architekten liegen. Zum Dämmstandard: Das Gebäudeprogramm fördert neue Fenster nur als Teil einer Sanierung und mit 3-fach-Verglasungen. Schon deshalb werden heute kaum mehr Fenster eingebaut, deren Verglasungen im Wärmedurchgang weniger als 0,7 W/m2 K bringen. Das ist nur mit drei Gläsern zu machen. Daraus ergibt sich für das ganze Fenster ein Wärmedurchgang von etwa 1,0 W/m2 K, wie das für das Minergie-Modul Fenster gefordert ist.

Fensteranschlag nicht vergessen
Allen Fensterfragen begegnet der Hausbesitzer beim Einbau des gewählten Produktes ein zweites Mal. Die gestalterische Wirkung hängt sehr von der Positionierung des Fensters innerhalb der Wandleibung ab. Beeinflusst durch den Einbau ist auch der Schall- und der Wärmeschutz. Als ungünstig erweist sich die Variante, bei der mit einem Qualitätsfenster ein sehr guter Schall- respektive Wärmeschutz teuer eingekauft wird, ein suboptimaler Einbau die erhoffte Wirkung aber reduziert. Das Fenster bringt gute Resultate, aber der Anschluss an die Wand ist eine Schwachstelle. Bei vielen Wandanschlüssen ist auch Kondenswasser ein Thema, weil aufgrund von Wärmebrü-cken angrenzende Wandabschnitte auskühlen. Darauf kann sich Schwitzwasser bilden.

Minergie oder Minergie-P?
Die beiden Minergie-Fenster (Basic und P) unterscheiden sich vor allem im Wärmeschutz und in der Dichtigkeit bezüglich Schlagregen und Luftdurchlass (Tabelle 3). Für Minergie-P-Häuser empfiehlt sich der Einbau von P-Fenstern, weil der Blower-door-Test eine luftdichte Gebäudehülle bedingt. Minergie-Fenster können in diesen Fällen ein Risiko bedeuten. Falls keine Zertifizierung nach Minergie-P vorgesehen ist, reduziert sich der Unterschied zwischen den Modulen auf den Wärmeschutz. Und auf diesem Niveau sind die zusätzlichen Energieeinsparungen gering: Das Fenster-Handbuch von Glas Trösch gibt für den Ersatz einer alten Doppelverglasung durch ein neues Superfenster eine Energieeinsparung von 22 Liter Heizöl pro m2 Fens-terfläche an. Das kann bei einem Einfamilienhaus 500 Liter Öl pro Jahr ausmachen. Lediglich 35 Liter Heizöl lassen sich einsparen, wenn dieselbe Wohnung mit P-Fenstern statt mit Minergie zertifizierten Produkten ausgerüstet ist. Bei einem geschätzten Gesamtverbrauch von 1500 Litern Heizöl sind das lediglich 2 bis 3 Prozent.

Hebe-Schiebe-Türen sind im Trend
Noch trendiger sind die reinen Schiebe-Türen, bei denen sich der bewegliche Teil ohne vorheriges Anheben schieben lässt. Statt die ganze Schiebe-Türe wird die Dichtung angehoben respektive abgesenkt. Vor allem ältere Leute und Kinder haben mit dem Heben einige Mühe. Für diese Klientel ist die Schiebe-Türe eine echte Innovation. Einige Anbieter bauen auch motorisierte Schiebe-Türen ein. Auf Knopfdruck bewegt sich dann die Grossverglasung.

Der Einbau einer Schiebe-Türe darf allerdings nicht unterschätzt werden. Denn derartige Panorama-Fenster bedingen in der Regel bauliche Änderungen, weil die Schwelle in den Fussbodenbelag abgesenkt ist. Auch für die Auswahl sind einige Abklärungen nötig – weit mehr als bei einem üblichen Fenster.  

Billigprodukte
Selbstverständlich geht alles noch billiger. Das beklagen auch Schweizer Hersteller, die zwar Offerten liefern, aber nicht die Fenster dazu. Oft kommen ausländische Hersteller mit sehr kostengünstigen Produkten zum Zug. Qualitätsunterschiede können Wohnungsnutzer aufgrund einer rein visuellen Beurteilung kaum feststellen. Falls sich nach einigen Jahren das Fenster nicht mehr schliessen lässt oder Beschläge aus der Verankerung lösen, offenbart sich das Problem. Nach Einschätzung des Hauseigentümerverbandes Schweiz sind es vor allem Festigkeitsmängel, die zu Reklamationen Anlass geben. Nicht in allen Fällen hilft bei Bedarf der Servicedienst.

Fazit
Angebote, die nicht den Vorgaben der EU und des Fensterverbandes entsprechen, sind keine Alternative zu Qualitätsfenstern.


Text: Othmar Humm
aus: Das Einfamilienhaus 05/13